Newsletter Chinahirn - Ausgabe 39 / February 2022

Wolfgang Hirn skizze rund

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wenn Politiker, Wissenschaftler und Journalisten im Westen das undemokratische/autoritäre/ diktatorische China kritisieren, dann machen sie häufig eine Unterscheidung. Mit ihrer Kritik meinen sie die Führung, die Regierung, die KP, aber nicht das Volk. Man sei ja nicht anti-chinesisch, denn man wolle ja schließlich nicht als Rassist gelten. Also differenziert man: Böse Führung, gutes Volk. Brutale Unterdrücker versus arme Unterdrückte. Aber stimmt denn diese Unterscheidung, dieses Auseinanderdividieren überhaupt? Schauen wir uns mal die jüngste Umfrage der amerikanischen (!) PR-Agentur Edelman an. Danach ist das Vertrauen der Chinesen in ihre Politiker gestiegen, während es im Westen gesunken ist. Und das auch noch in den Zeiten der aufkommenden Systemrivalität! Huch, da bricht für manchen ein Weltbild zusammen. Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, greifen die Zweifler zum Totschlag-Argument: Ist doch alles Lüge, die Chinesen sagen doch nicht die Wahrheit – erst recht nicht gegenüber Ausländern. Selbstverständlich wird diese Pauschal-Kritik auch gegenüber den Umfragen des Harvard Kennedy School Ash Center vorgebracht, das seit 2003 die Einstellung der chinesischen Bevölkerung zu ihren Regierenden analysiert und dabei zum gleichen Ergebnis wie Edelman kommt: „Since 2003, Chinese citizen satisfaction with government has increased.“ 

Ich zweifle zumindest nicht an der Tendenz dieser Umfragen und frage mich: Warum diese hohe Akzeptanz? Nicht weil die Mehrheit der Chinesen glühende Verehrer dieses modernen k-und-k-Regimes sind, in dem Kommunismus und Kapitalismus auf seltsame Weise kooptieren. Und auch nicht, weil sie Xi Jinping für einen charismatischen Führer halten und alles gut finden, was er macht. Sondern weil es einen ungeschriebenen “Gesellschaftsvertrag” zwischen der Führung und dem Volk gibt. Einziger Paragraph: Die Regierung muss es schaffen, dass es dem Volk jedes Jahr besser geht, dass – etwas simpel ausgedrückt - der Durchschnitts-Chinese jedes Jahr mehr Geld in seiner Tasche (oder künftig auf seinem Handy) hat. Die Einhaltung dieses Versprechens ist die einzige Legitimation, die diese Regierung durch ihr Volk hat. Deshalb braucht sie jedes Jahr eine große Portion Wachstum, um alle Chinesen in Lohn und Brot – pardon: Reis - zu bekommen. Deshalb auch der neue Slogan „common prosperity“, denn die skandalösen Einkommensunterschiede müssen durch Umverteilung dringend korrmigiert werden. Kann die Partei (gleich Regierung) dieses Versprechen der jährlichen individuellen Geldvermehrung nicht mehr einlösen, wird sie ein Problem haben, ein sehr großes sogar.

Wolfgang Hirn

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