Newsletter Chinahirn - Ausgabe 19 / April 2021

Wolfgang Hirn skizze rund

Liebe Leser

Urplötzlich, buchstäblich über Nacht, war der schwedische Bekleidungsfilialist H&M in China am Pranger. Es folgten Boykottaufrufe – auch gegen andere westliche Modelabels. Ihr Vergehen: Sie haben verkündet, dass sie keine Baumwolle mehr aus Xinjiang verarbeiten werden. Sie wollen damit Menschenrechtler unterstützen, die China vorwerfen, uigurische Zwangsarbeiter zum Pflücken und Verarbeiten von Baumwolle einzusetzen. Der Sturm der Entrüstung gegen H&M und andere ist inzwischen etwas abgeflaut. Aber er kann jederzeit wieder aufziehen – auch gegen Unternehmen in anderen Branchen. Denn die Wirtschaft gerät zunehmend zwischen die Fronten des aufziehenden Kalten Krieges zwischen China und dem Westen. Je stärker der Westen China sanktioniert, desto größer die Gefahr, dass Chinas Führung westliche Unternehmen attackiert. Sie kann diese durch diverse bürokratische Nadelstiche piesacken oder Chinas Konsumenten aufstacheln, deren Produkte zu boykottieren.


Die westlichen Unternehmen sind in einem gefährlichen Dilemma. Einerseits wollen sie natürlich an dem boomenden Markt in China partizipieren. Andererseits bekommen sie zuhause zunehmend Prügel, wenn sie sich zu China-freundlich geben, oder sie werden in China angegriffen, wenn sie zu China-kritisch sind. Was also tun? Matt Pottinger, der unter Trump im Nationalen Sicherheitsrat für Asien zuständig war, forderte von den amerikanischen Konzernchefs soeben in einem Kommentar für „The Wall Street Journal“: “CEOs have to decide which side they want to help win.” Diese geforderte Wahl zwischen amerikanischem und chinesischem Markt kann sich kein Unternehmen, aber auch keine Volkswirtschaft leisten, erst recht nicht die exportabhängige deutsche Wirtschaft. Deutschland kann nicht auf den chinesischen Markt verzichten. Für die deutsche Autoindustrie wäre ein solcher Schritt verheerend. Der Thinktanker Noah Barkin zitiert in der neuesten Ausgabe seines Newsletters „Watching China in Europe“ einen hohen deutschen Beamten: “Sind wir darauf vorbereitet, mit einem Volkswagen-Konzern zu leben, der nur noch die Hälfte seiner heutigen Größe hat? Darauf läuft es hinaus. Das ist die Debatte, die wir führen müssen.“ Gerne auch in diesem Newsletter.

Wolfgang Hirn
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